Atheistische Religionsgesellschaft - Confuse the state!

Eine Gruppe von österreichischen Atheisten hat einen auf den ersten Blick etwas seltsamen Vorschlag: Sie haben eine Atheistische Religionsgesellschaft gegründet, mit dem Ziel, beim zuständigen Kulturministerium den Status einer eingetragenen religiösen Bekenntnisgemeinschaft zu beantragen. Damit soll der Atheismus in Österreich faktisch als Religion anerkannt werden. Kein Wunder, dass sich der eine oder andere jetzt fragt: Was soll das?

Das Ziel der Atheistischen Religionsgesellschaft

Die Gründung der Atheistischen Religionsgesellschaft sorgte in atheistischen und freidenkerischen Kreisen für einige Verwirrung, wie ich in einigen Internetforen nachlesen konnte. Verwirrung zu stiften, genau das ist aber auch das Ziel dieses Projekts. Allerdings sollten nicht die Atheisten, sondern der Staat als Gesetzgeber ein wenig verwirrt werden. Ich möchte Ihnen das kurz erklären. Dazu möchte ich den folgende Sketch von Monty Python, "Confuse-A-Cat Ltd.", als Analogie geben:

Nach dieser Analogie wäre die Katze der Staat Österreich. Er sitzt seit Jahren untätig auf der derzeitigen Religionsgesetzgebung herum, bei der ein großer Reformbedarf herrscht. Dazu muss ich einmal etwas ausholen.

Die Religionsgesetzgebung in Österreich

Diese Religionsgesetzgebung verschafft den anerkannten Religionsgemeinschaften, allen voran der katholischen Kirche, einige fragwürdige Privilegien. So ist der Religionsunterricht in Österreich ein Pflichtfach und wird auch vom Staat finanziert. Die gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaften haben ihren garantierten Sitz im Stiftungsrat der Österreichischen Rundfunks und eine bevorzugte Stellung in dessen Programmplanung. Privatschulen, deren Träger anerkannte Rleigionsgemeinschaften sind, bekommen die Lehrergehälter vom Staat bezahlt, nichtreligiöse Privatschulen haben dieses Privileg nicht. Anerkannte Religionsgemeinschaften dürfen nicht von der Bundesstelle für Sektenfragen beobachtet werden. Das war nur mal ein Ausschnitt, die liste der Privilegien von anerkannten Religionsgemeinschaften ist lang. Auf Wikipedia gibt es einen guten Überblick.

Weiters wird bei der Anerkennung von Religionsgemeinschaften auf typisch österreichische Art rumgepfuscht, dass sich die Balken biegen. Bis 1997 gab es in Österreich keine klaren Regelungen für die Anerkennung neuer Religionsgemeinschaften. Welche Religionsgemeinschaften anerkannt wurden, war ein Akt reiner Willkür. Seit 1997 gilt das Bekenntnisgemeinschaftsgesetz. Eine Religiöse Gruppierung hat seitdem die Möglichkeit, den Status einer "eingetragenen Bekenntnisgemeinschaft" zu erhalten. Nach frühestens zehn Jahren und bei einer Anhängerzahl von mindestens 16.000 gibt es dann den Anspruch auf Anerkennung als "gesetzlich anerkannte Religionsgemeinschaft", Doch auch diese an sich klare Regelung wurde schon umgangen. So wurde die Koptisch-Orthodoxe Kirche 2003 sofort anerkannt, mit nur 1623 Mitgliedern und ohne vorher als Bekenntnisgemeinschaft eingetragen worden zu sein. Andererseits sträubte sich der Staat 2008 lange dagegen, die Zeugen Jehovas als Religionsgemeinschaft anzuerkennen, obwohl sie bereits seit 1997 als Bekenntnisgemeinschaft eingetragen waren und bereits über 21.000 Mitglieder hatten. 2009 blieb dem Staat nach einer Klage des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nichts mehr anderes übrig, als die Zeugen Jehovas als Kirche anzuerkennen. (Quelle: Wikipedia)

Confuse the State!

Wie gesagt, der Staat verhält sich wie die Katze im Monty Python Sketch. Er sitzt seit Jahren auf einer gesetzlichen Regelung herum, die er selbst in bestimmten Fällen zu umgehen versuchte, anstatt über eine Reform darüber nachzudenken. Nun stellt sich die Atheistische Religionsgesellschaft der Aufgabe, den Staat ein wenig zu verwirren, indem sie beim Kultusamt des Kulturministeriums einen Antrag auf Eintragung des Atheismus als Bekenntnisgemeinschaft einbringt. Vielleicht bringt das den Gesetzgeber endlich einmal dazu, den Arsch zu erheben und ein paar Schritte in Richtung einer laizistischen Staatsordnung zu wagen.

Rein formal sollte der Antrag hieb- und stichfest sein. Die Statuten der Atheistischen Religionsgemeinschaft erfüllen alle Kriterien, die das Gesetz verlangt. Und die Darstellung der "religiösen Lehre" finde ich einfach brilliant:

Wir glauben, dass nicht Göttinnen beziehungsweise Götter beziehungsweise Gottheiten uns Menschen geschaffen/gemacht haben, sondern dass jeweils Menschen ihre/die Göttinnen beziehungsweise Götter beziehungsweise Gottheiten (und ihre Geschichten und so weiter) geschaffen/gemacht haben beziehungsweise schaffen/machen, sodass alle diese Göttinnen beziehungsweise Götter beziehungsweise Gottheiten (und ihre Geschichten und so weiter) letztlich immer nur als jeweils von Menschen geschaffene/gemachte Göttinnen beziehungsweise Götter beziehungsweise Gottheiten (und ihre Geschichten und so weiter) existieren.
(Quelle: Statuten der Atheistischen Religionsgesellschaft)

Besser kann man ein atheistisches Bekenntnis nicht auf den Punkt bringen.

Klarerweise gibt es auch auf Seite der Atheisten Skepsis gegenüber dem Projekt. Besonders der Begriff "Religion" im Zusammenhang mit Atheismus führt teilweise zur Ablehnung dieses Vorhabens. Dagegen möchte ich einwenden, dass man sich nicht von Bezeichnungen blenden lassen sollte. Das "atheistische Religionsbekenntnis" ist auf den oben genannten Absatz beschränkt. Es stellt lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner der Weltanschauungen aller Atheisten dar, nämlich das Gottesbild. Darüber hinaus gibt es bei der Atheistischen Religionsgesellschaft keine Rituale, keine Mythen, keine Dogmen, keine Verpflichtungen, ja nicht einmal einen Mitgliedsbeitrag. Kaum eine Religionsgemeinschaft der Welt hat so eine bescheiden kleine Glaubenslehre vorzuweisen.
Alles was wir wollen, ist, dass der Staat zunächst einmal dieses atheistische Weltbild als anderen religiösen Lehren gleichwertig anerkennt. In weiterer Folge sollte darüber nachgedacht werden, was der Staat nun eigentlich als Religion betrachtet und ob die aktuellen gesetzlichen Regelungen dafür wirklich noch sinnvoll sind.

Man darf auf jeden Fall gespannt sein auf die Reaktionen der Politik und der Öffentlichkeit, wenn der Antrag einmal gestellt ist. Für Aufsehen wird das sicher sorgen. Bis dahin werden aber noch 300 Mitglieder benötigt, erst dann kann der Antrag eingebracht werden. Ich habe mich zur Mitgliedschaft bereiterklärt und möchte Sie ebenfalls dazu aufrufen. Alle weiteren Informationen gibt es auf http://atheistisch.at/.

Nachsatz:

So ganz nebenbei möchte ich noch auf weitere Projekte verweisen, die sich für ein laizistisches Österreich einsetzen, und zu deren Unterzeichnung aufrufen: Zum einen die Laizismus-Initiative http://www.laizismus.at/, zum anderen das geplante Laizismusgesetz-Volksbegehren der Allianz für Humanismus und Atheismus.

22. December 2009, 19:29 in

4 Kommentare:

  1. Leopold G. Alser, 1. March 2010, 13:43:

    Kann auch ein Österreicher, der im Ausland lebt, Mitglied werden? Ich finde die Idee interessant und möchte gerne noch weitere Informationen.

  2. Peter Krall, 29. April 2010, 23:48:

    Es könnte vielleicht nicht schaden, einen Blick auf den Footer zu werfen (2006-2007). Und eine Link zu den Brights wäre auch zu überlegen, finde ich. Ansonsten: gute Sache!

  3. Pirat Vogel, 18. May 2010, 21:25:

    @ Peter Krall: Das dürfte ein Irrtum sein. Wahrscheinlich sind die Organisatoren genauso gut im Webdesign sind wie ich ;-). Ich werde das weiterleiten.

  4. Der Humanist, 11. March 2017, 20:06:

    Sehr geehrte Diener*innen des hochheiligen Spaghetti-Monsters,
    wie es aussieht hat sich eine weitere Religionsgesellschaft in Österreich niedergelassen. Dieses mal trägt sie das Adjektiv humanistisch statt atheistisch und scheint etwas mehr Lebensstil mitzubringen.
    http://religion.humanistisch-leben.at
    Lassen Sie sich nun weiter ihre heilige Paste schmecken!
    Ramen!

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