Eine kleine Analyse zur Lage der Katholischen Kirche in Österreich

Zeitlicher Verlauf der Kirchenaustritte in Österreich

Die katholische Kirche schlittert seit Monaten von einer Krise zur nächsten. Anfang des Jahres 2009 geriet die Kirche aufgrund von umstrittenen Personalentscheidungen in die Kritik (Beinahe-Bischofsweihe von Gerhard Maria Wagner, Rehabilitierung von Bischof Williamson). 2010 erschütterten neue Missbrauchsvorwürfe die Kirche, welche zur Bildung einer eigenen Kommission führten. Ich versuche hier einmal, eine aktuelle Bestandsaufnahme der katholischen Kirche in Österreich zu machen.

Die katholische Kirche, ein Schattenstaat

Die Kirche ist ein Schattenstaat. Sie ist mehr als ein Verein, sie ist eine staatsähnliche Institution im Staate. Es gibt „regierende“, die Bischöfe und es gibt „Staatsbürger“, die Laien. Und es gibt mehrere Fraktionen unter den Angehörigen der „Mutter Kirche“. Ich mache hier eine grobe Einteilung, wobei die Grenzen natürlich nicht immer klar zu ziehen sind.

1. Die Taufscheinkatholiken:

Diese Fraktion stellt nach meiner Einschätzung die Mehrheitsfraktion unter den Laien dar. Es ist die große Schar jener, die sich aus Gewohnheit zur katholischen Kirche zugehörig fühlen, ohne viel Gedanken darüber zu verlieren. Sie führen die wichtigsten Sakramente wie die Taufe ihrer Neugeborenen und die kirchliche Trauung durch, gehen hin und wieder am Sonntag in die Heilige Messe, sehen sich selbst aber „Nicht so religiös“.

In der Kirchenführung sind sie naturgemäß überhaupt nicht vertreten, da man ein Kirchenamt normalerweise nicht anstrebt, wenn man sich damit überhaupt nicht näher beschäftigt. Unter den Kirchenaustretern sind sie hingegen die Nummer eins.

2. Die progressiven und konservativen Reformer:

Es gibt ein großes Reformlager, das ich in Progressive und Konservative unterteile. Die Progressiven sind schon eher als Katholiken zu bezeichnen als die Taufscheinkatholiken. Sie kennen die grundlegenden Glaubensinhalte und sind auch durchwegs überzeugt davon. Sie sind in der Kirche engagiert und bestrebt, ihr ein modernes und junges Antlitz zu geben. Deshalb sind viele Religionslehrer und Pfarrgemeinderäte unter ihnen zu finden. Sie sind in der Plattform „Wir sind Kirche“ organisiert.

Die konservativen Reformer sind genauso engagiert wie die progressiven, und treten auch für gewisse Veränderungen ein. Allerdings sind sie vorsichtiger, mehr am Konsens mit der Kirchenführung interessiert. Zu dieser Fraktion sind vor allem die Initiatoren der „Laieninitiative“ zu zählen.

In der Kirchenführung sind die Reformer kaum zu finden. Der letzte Bischof, den man dieser Fraktion am ehesten zuschreiben konnte, war Kardinal Franz König.

3. Die Papsttreuen:

Die Angehörigen dieser Fraktion nehmen den Papst beim Wort, auch wenn es um die leidlichen Themen wie AIDS und Kondome geht.
Sie stellen wohl die Führungsriege der Katholischen Kirche in Österreich dar. Die meisten Bischöfe sind zu ihnen zu zählen.

4. Die Vorkonziliaren und Erzkonservativen:

Um diese Fraktion drehte es sich in der Kirchenkrise Anfang 2009.

Bei den Vorkonziliaren ist vor allem die Piusbruderschaft zu nennen. Diese Gruppierung lehnt die Reformen des 2. Vatikanischen Konzils ab. Ihre Angehörigen wurden deswegen exkommuniziert. Papst Benedikt XIV hat einige Bischöfe dieser Bruderschaft rehabilitiert, ohne darauf zu achten, dass unter ihnen Antisemiten und Holocaustleugner wie Bischof Richard Williamson sind.

Gerhard Maria Wagner, Pfarrer von WindischgarstenGerhard Maria Wagner, Pfarrer von Windischgarsten, ist zu den Erzkonservativen zu zählen. Dieser Pfarrer verkündete unter anderem mit Freude, dass 2005 durch Hurrikan Katrina in New Orleans alle Nachtclubs, Bordelle und Abtreibungskliniken zerstört wurden, und vertrat die Meinung, dass der Hurrikan die Folge einer „geistigen Umweltverschmutzung“ gewesen sein könnte. Der Papst wollte ihn Ende Januar 2009 zum Weihbischof in Linz ernennen, nahm diese Pläne nach Protesten aber wieder zurück.

Neben Bischöfen und Priestern gibt es auch einige Prominente Laien, die man zu diesen Fraktionen zählen kann, wie z. B… den BZÖ-Politiker Ewald Stadler.

Die Lage der Kirche

Erzbischof Rino FisichellaDie aktuelle Politik des Vatikans ist von der Rückbesinnung auf frühere Zeiten geprägt. Zum Beispiel hat erst vor wenigen Tagen Papst Benedikt XIV. ein Institut für die Neu-Evangelisierung Europas gegründet. Die Rehabilitierung der Vorkonziliaren und die Hofierung der Erzkonservativen ist Teil dieser Politik.

Unter der Fraktion der Taufscheinkatholiken ist seit Jahren ein relativ konstanter Strom an Kirchenaustretern zu beobachten, der in Zeiten von Kirchenkrisen und Missbrauchsskandalen deutliche Spitzen hat. Die Kirche hat mit diesen Menschen ein grundlegendes Problem: Sie haben schlicht und einfach nicht den Glauben, den die Kirche propagiert. Mit dem neu gegründeten Institut für die Neu-Evangelisierung Europas will die Kirche diese Menschen zum Glauben bekehren. Die Zahl derer, die sich (re-)missionieren lassen schätze ich aber eher gering ein. Ein Großteil der Taufscheinkatholiken wird über kurz oder lang wohl den selben Weg nehmen, den auch ich gegangen bin: Den Weg zur Bezirkshauptmannschaft, um die Austrittserklärung abzugeben.

Die Reformer stehen auf verlorenem Posten. Ihr Einfluss ist im Schwinden begriffen. Ihre Forderungen, wie z.B. Die Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester verhallen schon seit Jahren. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Kirche ein Problem mit Initiativen von Laien hat. Denn nach ihrer Auffassung kommt die Wahrheit nicht von unten, sondern von oben. Außerdem dürften die Reformer schwer zufrieden zu stellen sein. Ginge die Kirche auf ihre Forderungen ein, dann würden sie schnell mit neuen Forderungen kommen. Sie wollen ja die Kirche am Puls der Zeit halten. Noch bleiben die meisten Reformorientierten Kräfte der Kirche treu, da sie sich trotz allem mit ihr Verbunden fühlen. Angesichts der aktuellen Entwicklung ist aber fraglich, wie lange sie das noch tun werden.

Die weitere Entwicklung

Pastoraltheologe Paul ZulehnerIn Summe muss es zwangsweise darauf hinauslaufen, dass die Kirche weiter schrumpfen wird. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner kritisierte 2009, dass die Kirchenführung offenbar das Ziel verfolge, aus der „Kirche für Alle eine Sekte für Wenige“ zu machen. Ich halte diese Befürchtung von Zulehner für ein äußerst realistisches Szenario. Offenbar verfolgt die Kirche genau dieses Ziel. Ich sehe diese Entwicklung an sich weder positiv noch negativ, sondern neutral.

In der österreichischen Gesellschaft wird diese Entwicklung der Kirche wohl nicht ohne folgen bleiben. Wenn sich die Kirche vom Volk entfernt, dann wird das Volk entsprechend darauf reagieren. Paul Zulehner meint, dass die Kirche mit ihrer aktuellen Politik Chancen verspielt, da das Volk sehr wohl ein Bedürfnis nach Religiosität hat. Offenbar betrachtet er die Religiosität als Markt, den die Kirche nur unzureichend bedient. Wenn dem so ist, dann wird sich das Volk andere Formen der Religiosität und Spiritualität suchen. Hier gibt es auch ein großes Potential für säkulare, religionskritische und atheistische Bewegungen.

Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in Österreich ist ebenfalls ein wichtiger Punkt, den man in diesem Zusammenhang hinterfragen muss. Derzeit genießt die Kirche noch einige staatliche Privilegien. Schon jetzt gibt es Stimmen, die nach einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche rufen. Diese werden nicht verhallen, sondern lauter werden. Noch kann sich die Kirche auf ihre hohe Mitgliederzahl berufen und auf ein hohes Ansehen in der Politik bauen, wenn sie ihre Interessen wahren will. Beides wird sich ändern wenn die Kirche weiter schrumpft und in ihren Ansichten radikaler wird.

Bildquellen:
„Kirchenaustritte“: http://www.meinkirchenaustritt.at/
„Gerhard Maria Wagner”: http://www.ksta.de/
„Rino Fisichella“: http://derstandard.at/
„Paul Zulehner“: http://commons.wikimedia.org

8. July 2010, 14:33 in

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