Islam vs. Christentum - In der Burka-Debatte ein völlig falscher Ansatz

Für ein Burka-Verbot in Österreich - Plakat des Zentralrats der Ex-Muslime Österreichs

Die verschiedenen Debatten um den Islam werden ja in diversen Kreisen gerne und oft zu einem Kampf „Christliches Abendland gegen den Islam“ hochstilisiert. Zur Abwehr der fremden Gefahr der Islamisierung wird die Rückbesinnung auf das gute alte Christentum empfohlen, welches im Westen ja immer unbedeutender wird. Diese Argumentationslinie führt auf den Holzweg, weil (kurz gesagt) viele unserer Werte, die heute durchaus vor einem fundamentalistischen Islam verteidigt werden müssen, vor Jahrhunderten gegen ein fundamentalistisches Christentum erkämpft werden mussten.
Noch unsinniger wird die ganze Argumentation, wenn sie unter umgekehrten Vorzeichen geführt wird. Nämlich dann, wenn kritikwürdige Traditionen im Islam mit christlichen Unsinnigkeiten relativiert werden. So geschehen in einem Kommentar über die Burka-Debatte auf diestandard.at.

Da schreibt eine gewisse Andrea Roedig vom „Kreuz mit der Burka“. Sie schreibt von der Debatte um die Ganzkörperverschleierung von Frauen, die aktuell in verschiedenen Ländern Europas geführt wird. In Frankreich und Belgien wurde ja bereits ein Verbot gegen Ganzkörperverschleierung in der Öffentlichkeit erlassen. In Österreich setzt sich übrigens der Zentralrat der Ex-Muslime für so ein Verbot ein.

Auch in Syrien wurde vor kurzem ein Verbot des Niqab, einer dort üblichen Ganzkörperverschleierung, beschlossen. Aber diesen Gesetzesvorstoß in Syrien will Frau Roedig partout nicht im selben Bild wie die Verbote in Europa sehen. Die Argumente zu dieser Thematik seien nämlich im Arabischen Raum andere als in Europa. In Europa, meint sie, sei „die Diskussion ums Burka-Verbot notwendig immer auch im Zeichen einer Konkurrenz der islamischen zur christlichen Kultur“. Autsch! Offenbar hat Andrea Roedig die „Abendland in Christenhand“-Plakate ernst genommen, und begibt sich selbst auf dieses Diskussionsniveau, auch wenn sie in die andere Richtung argumentiert.

Zwar erkennt Frau Roedig die Ganzkörperverschleierung durchaus als „horribles Instrument patriarchaler Gewalt“. Ihr kreativer Einwand dagegen ist, dass der „morbide Charme des Christenkreuzes allerdings auch nicht so harmlos“ ist. Sie fühlt sich bemüßigt, der Kritik an der Burka entgegenzuhalten, dass unsere Kultur mit dem Kruzifix „ein Folterinstrument zu ihrem Wahrzeichen erhebt“ und fordert, in dieser Diskussion die eigenen kulturellen Befangenheiten und Grausamkeiten mit zu bedenken.

Nun, in einem Punkt kann man ihr ja Recht geben. Das Kruzifix ist nüchtern betrachtet tatsächlich eine Folterdarstellung. Allerdings ist in unserer Kultur der kritische und satirische Umgang mit diesem Symbol inzwischen durchaus Gang und gebe. Als Beispiel sei Gerhard Haderers Cartoon-Serie „Wie wäre die Welt wohl geworden, wenn man Jesus damals nicht ans Kreuz genagelt hätte, sondern …“ genannt:
Wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre, sondern lebenslänglich eingenäht - Cartoon von Gerhard Haderer
Wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre, sondern elektrisiert - Cartoon von Gerhard Haderer
Oder, ein besonderes Schmankerl, das wunderbar blasphemische Lied „Jesus ich liebe dich“ von Christoph Theußl:

Na, Zufrieden, Frau Roedig?

Aber abgesehen davon: Die vorliegende Argumentation ist seltsam. Die Burka und das Kruzifix sind zwar beides Phänomene organisierter Religion, in ihrem Wesen aber völlig unterschiedlich. Der Versuch, das eine mit dem anderen relativieren zu wollen, ist lächerlich, egal in welche Richtung. Wäre es etwa sinnvoll, für das Kruzifix in Klassenzimmern einzutreten, mit dem Argument, dass andere Religionen viel schlimmere Symbole und Traditionen haben?

Wir sollten in der Burka-Debatte durchaus einen Blick nach Syrien werfen. Die syrische Frauenrechtsorganisation „Syrian Women Observatory“ schreibt auf ihrer Homepage:

We say once again that the niqab is an abolition of human personality and does not count at all as personal freedom upon wearing it at the work place, regardless of the kind of work. Work is by all means a kind of communication with others, and no communication among people without a face. Wearing the niqab at home, or in the street, is their own business, whether she was forced to do that (directly or indirectly) or not. But to enter any workplace with a niqab, this is not her right, because it is my right to see the face of the person I deal with regardless of his/her own convictions.

It is a blatant discrimination against women, even if some women stepped out to defend it. It is violence and extremism directed first and foremost against the woman who wears it, and second against the community.
(Quelle: http://nesasy.org/content/view/9135/376/)

Ich finde, das sind Argumente, die überall gelten. Ja, überall, in Syrien wie in Europa. In der Burka-Debatte sollte vorrangig um Frauen- und Menschenrechte gehen. Verweise auf einen angeblichen christlich-islamischen Kulturkampf sind lächerlich und nicht zielführend, vor allem wenn sie, wie hier, der Verharmlosung und Relativierung dienen.

23. July 2010, 12:38 in

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