Nur ein paar Verweise zur aktuellen "Integrationsdebatte"

In letzter Zeit war in Deutschland viel von der “Integrationsdebatte” die Rede. Zuletzt war eine Rede des deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff der Stein des Anstoßes, vor allem der Satz „Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Ich will gar nicht viel darüber schreiben, weil eh schon andere darüber geschrieben haben, und ich mich deren Meinung anschließe.

Zum Beispiel fragten Henryk M. Broder und Reinhard Mohr in einem offenen Brief an Wulff, ob wir Ungläubigen, die in Wulffs Rede gar nicht vorkamen, nun auch dazugehören. „Krawallatheist“ Andreas Müller schloss aus Wulffs Rede, dass Christian Wulff offenbar noch nie einem konfessionsfreien Menschen begegnet ist, und dass Wulff nicht sein Präsident ist. Michael Schmidt-Salomon fragt sich, wie blind unsere Politiker eigentlich sind.

Thomas von der Osten-Sacken hat diese seltsame Fixierung des Integrationsthemas auf die Frage der Religion besonders treffend auf den Punkt gebracht. Er schreibt:

Vor dem eigentlichen Gegner dieser Freiheit, dem politischen Islam, hat man solcherart längst kapituliert. Indem man sukzessive sich nämlich von der, in Deutschland eh nie besonders beliebten, Idee von einer säkularen Republik verabschiedet und neuerdings von christlichen Werten schwadroniert, als wäre der moderne Republikanismus und seine Freiheitsideen nicht gerade gegen diese erkämpft worden, hat man sich schon längst ans islamistische Weltbild assimiliert und akzeptiert, dass was eigentlich in Leben und Politik zählt, die Religion sei.

(Quelle: http://www.wadinet.de/)

Ja, da hat er recht. Mehr gibts dazu nicht mehr zu sagen.

Kommentieren - 21. October 2010, 20:31 in

Die kreationistische Verwirrung bei den PI-News

Die „Politically Incorrect News“, kurz PI-News genannt, sind ein Fall für sich. Sie waren eine der ersten islamkritischen Seiten im deutschsprachigen Raum. Sie sind nach wie vor allseits bekannt, allerdings auch heftig umstritten. Nicht zu unrecht, wie ich finde.

Ich will ja nicht sagen, dass an PI-News alles schlecht ist. Grundsätzlich gibt es dort auch interessante und brauchbare Beiträge. Dazu zählen in der Regel jene Beiträge, die auf andere Artikel aus diversen Medien verweisen. Man kann die PI-News also durchaus als Informationsquelle Nutzen (was ich aber nicht tue).

Zwischendurch gibt es aber immer wieder fragwürdige Beiträge. Zum Beispiel jene, in denen von diversen Straftaten berichtet wird. Und zwar nur deshalb, weil diese von türkisch- oder arabischstämmigen Menschen verübt wurden. In diesem Zusammenhang wird dann gern das Wort „Kulturbereicherung” hineingeworfen. Das soll dann offenbar lustig sein, ist aber allein aufgrund der ewigen Wiederholung nur mehr lächerlich. Beispiele zu solchen Artikeln gibt es hier und hier.

Grundsätzlich befürworten die PI-News Blasphemie. Allerdings nur, wenn sie sich gegen den Islam richtet. Denn wenn die eigene Religion durch den Kakao gezogen wird ist es plötzlich vorbei mit der Begeisterung für die politische Unkorrektheit.

Oft verstricken sich die Macher der PI-News in Widersprüchen. Zum Beispiel wenn dort Jörg Haider gegen die Vorwürfe der „linkslinken“ Medien verteidigt wird, obwohl Haiders gute Kontakte zu Saddam Hussein und Muammar Gadaffi nicht gerade mit der nach eigenen Angaben „proisraelischen“ Haltung der PI-News unter einen Hut zu bringen sind.

Mir ist vor kurzem ein weiterer Widerspruch aufgefallen. Seit einiger Zeit ist folgende Werbeeinblendung auf der Seite der PI-News zu sehen:
Expelled - Intelligenz streng verbotenBei „Expelled“ handelt es sich um einen Dokumentarfilm aus den USA, in dem dargestellt wird, wie Forscher, die die die pseudowissenschaftliche Lehre des „Intelligent Design“ vertreten, auf US-Unis angeblich mundtot gemacht werden. Der Link weist zur deutschen Fassung dieses Films, welche von der Filmproduktionsfirma „Drei Linden Film“ erstellt wurde.

Einen besonderen Unterhaltungswert hat diese Werbeeinblendung auf der Seite eines schon etwas älteren Artikels über Adnan Oktar, auch bekannt unter dem Synonym Harun Yahya, der ein bekannter türkischer Islamist und Anhänger des Kreationismus ist. In diesem Artikel wird erwähnt, wie dieser Harun Yahya die „dunklen Verbindungen zwischen Darwinismus und den blutigen Ideologien des Faschismus und Kommunismus“ enthüllen möchte. Zum Vergleich: Auch Ben Stein bringt in „Expelled“ die Evolutionslehre mit Rassismus, Euthanasie und Abtreibung in Verbindung, wie eine gewisse Madeleine Schulze erstaunt bemerkt.

Dieses Beispiel zeigt, dass bei den PI-News zumindest einige Redakteure mit einem modernen wissenschaftlichen Weltbild ihre Probleme haben, so islamkritisch sie auch sein mögen.

Kommentieren - 13. September 2010, 19:19 in

Wieder mal die Minarette – Schakfehs Vision

Moschee in Wien-Floridsdorf

Wieder mal sind Minarette das Thema der politischen Debatte. Nicht zuletzt deswegen, weil zur Zeit auch Wahlkampf für die bevorstehenden Landtagswahlen in Wien und bei mir daheim in der Steiermark ist. Maßgeblichen Anteil an dieser Debatte hatte aber Anas Schakfeh, der Präsident der islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs, der mit seiner Vision einer Moschee mit Minarett in jeder Landeshauptstadt die aktuellen Diskussionen entfachte.

Wenn man den wahlkampfbedingten politischen Hickhack einmal beiseite lässt, gibt es dennoch einige kritische Punkte in dieser Angelegenheit anzumerken. Zum Beispiel wäre die Position, die Schakfeh inne hat, zu hinterfragen. Anas Schakfeh ist der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Diese Glaubensgemeinschaft hat in der österreichischen Religionsgesetzgebung (über deren Mängel ich schon einmal geschrieben habe) den selben Status wie die katholische Kirche. Herr Schakfeh ist somit auf politischer Ebene der offizielle Vertreter aller Muslime in Österreich. In der Praxis wird er diesem Status allerdings keinesfalls gerecht. Nur wenige Muslime in Österreich sind auch tatsächlich Mitglied der Glaubensgemeinschaft. Viele fühlen sich nicht von ihr vertreten.
So gibt es zum Beispiel eine „Initiative Liberaler Muslime in Österreich“, welche in Abgrenzung zur Glaubensgemeinschaft gegründet wurde. In einer Presseaussendung auf ihrer Homepage hat diese Intitiative die Aussagen Schakfehs kritisiert. Leider haben das die Medien weitestgehend ignoriert.
Ein weiterer bekannter Kritiker Schakfehs ist der Grüne Bundesrat Efghani Dönmez. Er ist gebürtiger Türke und sieht sich selbst als alevitischstämmiger Moslem. Er kritisiert unter anderem, dass die Islamische Glaubensgemeinschaft die Aleviten ausschließt. Deswegen gibt es auch Bestrebungen der Aleviten zur Anerkennung als eigene Glaubensgemeinschaft in Österreich.

Einen anderen, sehr klugen Kritikpunkt hat der Journalist Hans Rauscher im Standard angesprochen. Er hinterfragt nicht den Moscheebau an sich, sondern den historisierenden Baustil, in dem heutige Moscheen gebaut werden

Außerdem gibt es in meinen Augen einen naheliegenden Grund, wieso hierzulande beim Thema Moscheen und Minarette immer wieder allergisch reagiert wird: Die Islamische Religion hat einfach einen schlechten Ruf. Das hat unterschiedliche Gründe, zum Beispiel die fehlende Aufklärung, fanatische Prediger, die mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik, restriktive Moralvorstellungen, fundamentalistische Auslegungen des Koran, die Burka, nur um einige zu nennen.

Herr Schakfeh meinte im APA-Interview:

Schakfeh ist davon überzeugt, dass auf lange Sicht zumindest in jeder Landeshauptstadt ein adäquater Gebetsraum – also auch mit Minarett – stehen wird. “Denn auf lange Sicht kann man Menschen nicht verbieten, ihre wirkliche religiöse Freiheit, die verfassungsgeschützt ist, auszuüben.” So hätten etwa evangelische Christen noch vor rund 150 Jahren keine Kirchen mit Türmen errichten dürfen, nun störe das niemanden mehr. “Deshalb bin ich für die Zukunft optimistisch, dass es irgendwann zu einer Normalität kommt”, so Schakfeh.

Quelle: http://www.derislam.at/

Nun, wenn es Muslime schaffen, zu einer Religiosität zu finden, in denen diese negativen Aspekte nicht mehr vorkommen, dann dürften sie auch keine Probleme mehr damit haben, eigene Moscheen zu betreiben (Ich behaupte, dass das keine ganz so realitätsferne Vision ist, schließlich gibt es Menschen wie Necla Kelek, Seyran Ates oder Hamed Abdel-Samad). Dann kann auch Herrn Schakfehs Vision Realität werden. Fraglich ist freilich, ob die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich an so einer Entwicklung überhaupt Interesse hat und etwas beitragen würde. Und natürlich, ob dann überhaupt noch das Bedürfnis nach einem Minarett besteht.

Kommentieren - 3. September 2010, 01:16 in

Islam vs. Christentum - In der Burka-Debatte ein völlig falscher Ansatz

Für ein Burka-Verbot in Österreich - Plakat des Zentralrats der Ex-Muslime Österreichs

Die verschiedenen Debatten um den Islam werden ja in diversen Kreisen gerne und oft zu einem Kampf „Christliches Abendland gegen den Islam“ hochstilisiert. Zur Abwehr der fremden Gefahr der Islamisierung wird die Rückbesinnung auf das gute alte Christentum empfohlen, welches im Westen ja immer unbedeutender wird. Diese Argumentationslinie führt auf den Holzweg, weil (kurz gesagt) viele unserer Werte, die heute durchaus vor einem fundamentalistischen Islam verteidigt werden müssen, vor Jahrhunderten gegen ein fundamentalistisches Christentum erkämpft werden mussten.
Noch unsinniger wird die ganze Argumentation, wenn sie unter umgekehrten Vorzeichen geführt wird. Nämlich dann, wenn kritikwürdige Traditionen im Islam mit christlichen Unsinnigkeiten relativiert werden. So geschehen in einem Kommentar über die Burka-Debatte auf diestandard.at.

Da schreibt eine gewisse Andrea Roedig vom „Kreuz mit der Burka“. Sie schreibt von der Debatte um die Ganzkörperverschleierung von Frauen, die aktuell in verschiedenen Ländern Europas geführt wird. In Frankreich und Belgien wurde ja bereits ein Verbot gegen Ganzkörperverschleierung in der Öffentlichkeit erlassen. In Österreich setzt sich übrigens der Zentralrat der Ex-Muslime für so ein Verbot ein.

Auch in Syrien wurde vor kurzem ein Verbot des Niqab, einer dort üblichen Ganzkörperverschleierung, beschlossen. Aber diesen Gesetzesvorstoß in Syrien will Frau Roedig partout nicht im selben Bild wie die Verbote in Europa sehen. Die Argumente zu dieser Thematik seien nämlich im Arabischen Raum andere als in Europa. In Europa, meint sie, sei „die Diskussion ums Burka-Verbot notwendig immer auch im Zeichen einer Konkurrenz der islamischen zur christlichen Kultur“. Autsch! Offenbar hat Andrea Roedig die „Abendland in Christenhand“-Plakate ernst genommen, und begibt sich selbst auf dieses Diskussionsniveau, auch wenn sie in die andere Richtung argumentiert.

Zwar erkennt Frau Roedig die Ganzkörperverschleierung durchaus als „horribles Instrument patriarchaler Gewalt“. Ihr kreativer Einwand dagegen ist, dass der „morbide Charme des Christenkreuzes allerdings auch nicht so harmlos“ ist. Sie fühlt sich bemüßigt, der Kritik an der Burka entgegenzuhalten, dass unsere Kultur mit dem Kruzifix „ein Folterinstrument zu ihrem Wahrzeichen erhebt“ und fordert, in dieser Diskussion die eigenen kulturellen Befangenheiten und Grausamkeiten mit zu bedenken.

Nun, in einem Punkt kann man ihr ja Recht geben. Das Kruzifix ist nüchtern betrachtet tatsächlich eine Folterdarstellung. Allerdings ist in unserer Kultur der kritische und satirische Umgang mit diesem Symbol inzwischen durchaus Gang und gebe. Als Beispiel sei Gerhard Haderers Cartoon-Serie „Wie wäre die Welt wohl geworden, wenn man Jesus damals nicht ans Kreuz genagelt hätte, sondern …“ genannt:
Wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre, sondern lebenslänglich eingenäht - Cartoon von Gerhard Haderer
Wenn Jesus nicht gekreuzigt worden wäre, sondern elektrisiert - Cartoon von Gerhard Haderer
Oder, ein besonderes Schmankerl, das wunderbar blasphemische Lied „Jesus ich liebe dich“ von Christoph Theußl:

Na, Zufrieden, Frau Roedig?

Aber abgesehen davon: Die vorliegende Argumentation ist seltsam. Die Burka und das Kruzifix sind zwar beides Phänomene organisierter Religion, in ihrem Wesen aber völlig unterschiedlich. Der Versuch, das eine mit dem anderen relativieren zu wollen, ist lächerlich, egal in welche Richtung. Wäre es etwa sinnvoll, für das Kruzifix in Klassenzimmern einzutreten, mit dem Argument, dass andere Religionen viel schlimmere Symbole und Traditionen haben?

Wir sollten in der Burka-Debatte durchaus einen Blick nach Syrien werfen. Die syrische Frauenrechtsorganisation „Syrian Women Observatory“ schreibt auf ihrer Homepage:

We say once again that the niqab is an abolition of human personality and does not count at all as personal freedom upon wearing it at the work place, regardless of the kind of work. Work is by all means a kind of communication with others, and no communication among people without a face. Wearing the niqab at home, or in the street, is their own business, whether she was forced to do that (directly or indirectly) or not. But to enter any workplace with a niqab, this is not her right, because it is my right to see the face of the person I deal with regardless of his/her own convictions.

It is a blatant discrimination against women, even if some women stepped out to defend it. It is violence and extremism directed first and foremost against the woman who wears it, and second against the community.
(Quelle: http://nesasy.org/content/view/9135/376/)

Ich finde, das sind Argumente, die überall gelten. Ja, überall, in Syrien wie in Europa. In der Burka-Debatte sollte vorrangig um Frauen- und Menschenrechte gehen. Verweise auf einen angeblichen christlich-islamischen Kulturkampf sind lächerlich und nicht zielführend, vor allem wenn sie, wie hier, der Verharmlosung und Relativierung dienen.

Kommentieren - 23. July 2010, 12:38 in

Eine kleine Analyse zur Lage der Katholischen Kirche in Österreich

Zeitlicher Verlauf der Kirchenaustritte in Österreich

Die katholische Kirche schlittert seit Monaten von einer Krise zur nächsten. Anfang des Jahres 2009 geriet die Kirche aufgrund von umstrittenen Personalentscheidungen in die Kritik (Beinahe-Bischofsweihe von Gerhard Maria Wagner, Rehabilitierung von Bischof Williamson). 2010 erschütterten neue Missbrauchsvorwürfe die Kirche, welche zur Bildung einer eigenen Kommission führten. Ich versuche hier einmal, eine aktuelle Bestandsaufnahme der katholischen Kirche in Österreich zu machen.

Die katholische Kirche, ein Schattenstaat

Die Kirche ist ein Schattenstaat. Sie ist mehr als ein Verein, sie ist eine staatsähnliche Institution im Staate. Es gibt „regierende“, die Bischöfe und es gibt „Staatsbürger“, die Laien. Und es gibt mehrere Fraktionen unter den Angehörigen der „Mutter Kirche“. Ich mache hier eine grobe Einteilung, wobei die Grenzen natürlich nicht immer klar zu ziehen sind.

1. Die Taufscheinkatholiken:

Diese Fraktion stellt nach meiner Einschätzung die Mehrheitsfraktion unter den Laien dar. Es ist die große Schar jener, die sich aus Gewohnheit zur katholischen Kirche zugehörig fühlen, ohne viel Gedanken darüber zu verlieren. Sie führen die wichtigsten Sakramente wie die Taufe ihrer Neugeborenen und die kirchliche Trauung durch, gehen hin und wieder am Sonntag in die Heilige Messe, sehen sich selbst aber „Nicht so religiös“.

In der Kirchenführung sind sie naturgemäß überhaupt nicht vertreten, da man ein Kirchenamt normalerweise nicht anstrebt, wenn man sich damit überhaupt nicht näher beschäftigt. Unter den Kirchenaustretern sind sie hingegen die Nummer eins.

2. Die progressiven und konservativen Reformer:

Es gibt ein großes Reformlager, das ich in Progressive und Konservative unterteile. Die Progressiven sind schon eher als Katholiken zu bezeichnen als die Taufscheinkatholiken. Sie kennen die grundlegenden Glaubensinhalte und sind auch durchwegs überzeugt davon. Sie sind in der Kirche engagiert und bestrebt, ihr ein modernes und junges Antlitz zu geben. Deshalb sind viele Religionslehrer und Pfarrgemeinderäte unter ihnen zu finden. Sie sind in der Plattform „Wir sind Kirche“ organisiert.

Die konservativen Reformer sind genauso engagiert wie die progressiven, und treten auch für gewisse Veränderungen ein. Allerdings sind sie vorsichtiger, mehr am Konsens mit der Kirchenführung interessiert. Zu dieser Fraktion sind vor allem die Initiatoren der „Laieninitiative“ zu zählen.

In der Kirchenführung sind die Reformer kaum zu finden. Der letzte Bischof, den man dieser Fraktion am ehesten zuschreiben konnte, war Kardinal Franz König.

3. Die Papsttreuen:

Die Angehörigen dieser Fraktion nehmen den Papst beim Wort, auch wenn es um die leidlichen Themen wie AIDS und Kondome geht.
Sie stellen wohl die Führungsriege der Katholischen Kirche in Österreich dar. Die meisten Bischöfe sind zu ihnen zu zählen.

4. Die Vorkonziliaren und Erzkonservativen:

Um diese Fraktion drehte es sich in der Kirchenkrise Anfang 2009.

Bei den Vorkonziliaren ist vor allem die Piusbruderschaft zu nennen. Diese Gruppierung lehnt die Reformen des 2. Vatikanischen Konzils ab. Ihre Angehörigen wurden deswegen exkommuniziert. Papst Benedikt XIV hat einige Bischöfe dieser Bruderschaft rehabilitiert, ohne darauf zu achten, dass unter ihnen Antisemiten und Holocaustleugner wie Bischof Richard Williamson sind.

Gerhard Maria Wagner, Pfarrer von WindischgarstenGerhard Maria Wagner, Pfarrer von Windischgarsten, ist zu den Erzkonservativen zu zählen. Dieser Pfarrer verkündete unter anderem mit Freude, dass 2005 durch Hurrikan Katrina in New Orleans alle Nachtclubs, Bordelle und Abtreibungskliniken zerstört wurden, und vertrat die Meinung, dass der Hurrikan die Folge einer „geistigen Umweltverschmutzung“ gewesen sein könnte. Der Papst wollte ihn Ende Januar 2009 zum Weihbischof in Linz ernennen, nahm diese Pläne nach Protesten aber wieder zurück.

Neben Bischöfen und Priestern gibt es auch einige Prominente Laien, die man zu diesen Fraktionen zählen kann, wie z. B… den BZÖ-Politiker Ewald Stadler.

Die Lage der Kirche

Erzbischof Rino FisichellaDie aktuelle Politik des Vatikans ist von der Rückbesinnung auf frühere Zeiten geprägt. Zum Beispiel hat erst vor wenigen Tagen Papst Benedikt XIV. ein Institut für die Neu-Evangelisierung Europas gegründet. Die Rehabilitierung der Vorkonziliaren und die Hofierung der Erzkonservativen ist Teil dieser Politik.

Unter der Fraktion der Taufscheinkatholiken ist seit Jahren ein relativ konstanter Strom an Kirchenaustretern zu beobachten, der in Zeiten von Kirchenkrisen und Missbrauchsskandalen deutliche Spitzen hat. Die Kirche hat mit diesen Menschen ein grundlegendes Problem: Sie haben schlicht und einfach nicht den Glauben, den die Kirche propagiert. Mit dem neu gegründeten Institut für die Neu-Evangelisierung Europas will die Kirche diese Menschen zum Glauben bekehren. Die Zahl derer, die sich (re-)missionieren lassen schätze ich aber eher gering ein. Ein Großteil der Taufscheinkatholiken wird über kurz oder lang wohl den selben Weg nehmen, den auch ich gegangen bin: Den Weg zur Bezirkshauptmannschaft, um die Austrittserklärung abzugeben.

Die Reformer stehen auf verlorenem Posten. Ihr Einfluss ist im Schwinden begriffen. Ihre Forderungen, wie z.B. Die Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester verhallen schon seit Jahren. Grundsätzlich muss man sagen, dass die Kirche ein Problem mit Initiativen von Laien hat. Denn nach ihrer Auffassung kommt die Wahrheit nicht von unten, sondern von oben. Außerdem dürften die Reformer schwer zufrieden zu stellen sein. Ginge die Kirche auf ihre Forderungen ein, dann würden sie schnell mit neuen Forderungen kommen. Sie wollen ja die Kirche am Puls der Zeit halten. Noch bleiben die meisten Reformorientierten Kräfte der Kirche treu, da sie sich trotz allem mit ihr Verbunden fühlen. Angesichts der aktuellen Entwicklung ist aber fraglich, wie lange sie das noch tun werden.

Die weitere Entwicklung

Pastoraltheologe Paul ZulehnerIn Summe muss es zwangsweise darauf hinauslaufen, dass die Kirche weiter schrumpfen wird. Der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner kritisierte 2009, dass die Kirchenführung offenbar das Ziel verfolge, aus der „Kirche für Alle eine Sekte für Wenige“ zu machen. Ich halte diese Befürchtung von Zulehner für ein äußerst realistisches Szenario. Offenbar verfolgt die Kirche genau dieses Ziel. Ich sehe diese Entwicklung an sich weder positiv noch negativ, sondern neutral.

In der österreichischen Gesellschaft wird diese Entwicklung der Kirche wohl nicht ohne folgen bleiben. Wenn sich die Kirche vom Volk entfernt, dann wird das Volk entsprechend darauf reagieren. Paul Zulehner meint, dass die Kirche mit ihrer aktuellen Politik Chancen verspielt, da das Volk sehr wohl ein Bedürfnis nach Religiosität hat. Offenbar betrachtet er die Religiosität als Markt, den die Kirche nur unzureichend bedient. Wenn dem so ist, dann wird sich das Volk andere Formen der Religiosität und Spiritualität suchen. Hier gibt es auch ein großes Potential für säkulare, religionskritische und atheistische Bewegungen.

Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche in Österreich ist ebenfalls ein wichtiger Punkt, den man in diesem Zusammenhang hinterfragen muss. Derzeit genießt die Kirche noch einige staatliche Privilegien. Schon jetzt gibt es Stimmen, die nach einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche rufen. Diese werden nicht verhallen, sondern lauter werden. Noch kann sich die Kirche auf ihre hohe Mitgliederzahl berufen und auf ein hohes Ansehen in der Politik bauen, wenn sie ihre Interessen wahren will. Beides wird sich ändern wenn die Kirche weiter schrumpft und in ihren Ansichten radikaler wird.

Bildquellen:
„Kirchenaustritte“: http://www.meinkirchenaustritt.at/
„Gerhard Maria Wagner”: http://www.ksta.de/
„Rino Fisichella“: http://derstandard.at/
„Paul Zulehner“: http://commons.wikimedia.org

Kommentieren - 8. July 2010, 14:33 in

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